Die Fliegenbinder von Nairobi

Jeder der in einen Angelladen geht und sich dort ein paar Fliegen kauft, ist sich meistens nicht wirklich bewusst welchen weiten Weg diese Fliegen eventuell bereits zurück gelegt haben, bevor sie das erste Mal europäisches Wasser sehen. Als mir ein Bekannter vor einiger Zeit beim Fischen die „Mrs. Simpson“ zeigte war ich sofort begeistert. „Diese Fliege fischt man am Mount Kenya!“ meinte er zu mir. „Du fliegst doch nach Kenia. Hast Du nicht Lust mal zu sehen wo diese Fliegen gebunden werden?“ Natürlich hatte ich Lust! Denn auch mich interessierte es brennend wo diese Fliegen hergestellt werden und wer dahinter steckt.


fliegen00

Zugegeben war mir schon etwas mulmig zu Mute als ich mich nach Nairobi aufmachte. Die letzten Unruhen in den Randbezirken Nairobis waren noch nicht lange vorbei und ich wusste nicht wirklich was mich erwarten würde. Mein inzwischen guter Freund Nicholas sollte mich am Flughafen abholen und die Tage betreuen. Gesagt getan. Einige Tage vor Abreise setzte sich Nicholas mit mir in Verbindung. Mit einem kleinen Zettel auf dem eine Handynummer, sowie eine Mailadresse standen, stützte ich mich in das Abenteuer die Fliegenbinder in Nairobi zu besuchen.


fliegen05

Von Malindi aus startete ich mit einer kleinen Propellermaschine in Richtung Mount Kenya und Nairobi. Bereits beim Landeanflug konnte man den krassen Kontrast zwischen Wellblechdächern in den Slums und mit Glasfassaden verzierten Hochhäuser im Geschäftsbezirk Nairobis erkennen. Wie ein großer Ring umrandeten die Slums, mit ihren tausenden Einwohnern, den Geschäftsbezirk und die Innenstadt Nairobis. Nach einer holprigen Landung und einer weiteren Sicherheitskontrolle stand ich vor dem Ankunftsgate am Flughafen Nairobis. Nicholas sollte mich am Ausgang des Flughafens abholen. Sicherlich war es für Ihn einfacher den einzigen Weißen in der Maschine zu finden, als für mich einen mir bislang unbekannten Schwarzen unter all den Menschen ausfindig zu machen.


fliegen06

„Are you Andi?“ fragte mich plötzlich eine sympathische Stimme von der Seite? Ich drehte mich um und schaute in eine coole, vollverspiegelte große Sonnenbrille welche einem dünnen, großen Mann Mitte Dreißig gehörte. Das war also Nicholas, einer der vielen Besitzer von Nairobis Fliegenbindefabriken und diese wollte ich mir bei meinen viertägigen Aufenthalt einmal genauer anschauen. Nach einer längeren, chaotischen Fahrt mit dem Taxi durch Nairobis Rush-Hour, stand ich auf einmal in mitten riesigen Hochhäusern und mitten drin im Geschäftsviertel von Nairobi. Überall sah man bewaffnete Sicherheitsbeamte die in den Straßen patrollierten. Im Vorfeld hatte ich mir bereits ein kleines Hotel reserviert. Das Oakwood Hotel, ein altes Kolonialhotel welches mitten im Geschäftsbezirk liegt. Das Oakwood Hotel sollte für die kommenden vier Tage mein Ausgangspunkt sein.

fliegen07

Nicholas und ich setzten uns auf den kleinen Balkon des Hotels, direkt über dem lebhaften Treiben auf den Straßen und tranken ein kühles Bier. Ich nutzte die Zeit um mehr über ihn herauszufinden. Nicholas arbeitete bereits 1999 als Fliegenbinder in Nairobi. Damals noch als kleiner Angestellter, mit dem Ziel später einmal seine eigene Fabrik zu besitzen. Dies gelang ihm nur fünf Jahre später. Im Jahr 2004 eröffnete Nicholas seine eigene „Fabrik“ in einem der Randbezirke Nairobis. Auf die Frage hin warum er diesen Job machen würde, grinste Nicholas zunächst. Anfangs sei es schon das Geld gewesen, später aber die Freude an der Arbeit, so Nicholas. Inzwischen sei die Lage aber nicht mehr so gut wie noch vor ein paar Jahren.

fliegen01

Die Unruhen Anfang 2008 brachten fast alle Fliegenbinder in große Probleme. Die Aufträge aus den USA und England blieben zum Großteil aus, da kein Investor das Geld in einer politisch unsicheren Region investieren wollte. Nur wenige hielten die Treue. So gibt es inzwischen viele arbeitslose Fliegenbinder in Nairobi. Wo früher in einer Woche noch mehr als 1000 Dutzend Fliegen gebunden wurden, ist die Auftragslage heute nur noch sehr bescheiden. Trotzdem will Nicholas sein Geschäft weitermachen und es nach Möglichkeit die kommenden Jahre festigen. Eines muss man den Kenianern lassen. Sie verlieren nie die Hoffnung und den Mut. Dies war sehr beeindruckend.

fliegen02

Am zweiten Tag meines Aufenthaltes ging es das erste Mal zu einer dieser Fliegenbindefabriken in den Randbezirken Nairobis. Wir stürzten uns also wieder mitten rein in das Getümmel und versuchten eines der Matatus zu ergattern welches in unsere Richtung fuhr. Am Sammelplatz, dem Herzstückes des Nairobischen Nahverkehrs, standen hunderte diese Matatus, kleine umgebauten Bussen mit bis zu 14 Sitzplätzen auf engsten Raum und feilschten um die Fahrkäste. Ohne Einheimische Hilfe wäre ich hier hoffnungslos verloren gewesen und wäre wahrscheinlich niemals am meinem Zielort angekommen.


fliegen03

Die Fahrt ging schell aus dem Stadtviertel Nairobis hinaus auf die Nairobi umgebenden Hänge und die Slums. Einfache Lehmhütten mit Wellblechdächern standen hier auf engstem Raum. Die Gassen und Straßen waren voller Menschen und überall lag der Müll auf der Straße. Ein ziemlich krasser Kontrast zu der Sauberen und bewachten Innenstadt. Nach etwa einer halben Stunde Fahrt waren wir endlich an unserem Ziel angekommen. Die laute Rap-Musik, welche aus einer riesigen Anlage des Matatus dröhnte, strapazierte das Gehör der Fahrgäste doch sehr… Dies gehört aber scheinbar zu den Matatus dazu.

fliegen04

fliegen08

fliegen10 fliegen11

Nicholas und ich kamen nach einem kurzen Fußweg zu einem unscheinbaren Neubau in dem die Fabrik zu finden sei. Durch das Treppenhaus ging es in den dritten Stock und plötzlich stand ich mitten in der „Fabrik“ - einem lichtdurchfluteten Raum mit nicht mehr als 20 qm und offenen Fenstern. In diesem Raum standen kleine Tische an denen rund 25 Arbeiter und Arbeiterinnen aller Altersklassen saßen. Während Sie sich laut unterhielten und lachten wurden Fliegen gebunden. Die älteste Arbeiterin war mit über 60 Jahren mit ihren Händen noch erstaunlich geschickt und band im Minutentakt perfekte Fliegen.

 

Jeder Sitzplatz hatte eine kleine Schachtel mit Material auf dem Tisch stehen, mit dem jeder nur eine ganz bestimmte Fliege band. Ich war überrascht in welcher Geschwindigkeit und in welcher Präzision die Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Fliegen banden. Nicholas erklärte mir dass jeder der Fliegenbinder über 50 verschiedene Fliegen aus dem Gedächtnis binden kann. Seine besten Fliegenbinder sind heiß begehrt unter den Fabrikbetreibern und wechseln je nach Auftrag immer den Arbeitgeber. So verdienen gute Fliegenbinder auch gutes Geld, vorausgesetzt es sind genügend Aufträge vorhanden.

fliegen13 fliegen12 fliegen09

 

Die Bereitschaft sich selbst das Fliegenbinden bei zu bringen ist in Nairobi immens hoch. So finden Bücher über das Fliegenbinden reißenden Absatz. Vor allem bei jenen mit schlechten Berufschancen sind diese Bücher heiß begehrt. Sie bieten eine kleine Möglichkeit zumindest der äußersten Armut zu entkommen. Diese Einstellung ist bemerkenswert, denn all zu oft ist man mit dem Vorurteil belastet, das in Afrika die Menschen ihre Situation einfach hinnehmen. Nairobis Fliegenbinder haben mir allerdings das Gegenteil gezeigt.

 

In einem kleinen Nebenraum befand sich die Schatzkammer - das Materiallager. Ein alter Kleiderschrank diente als Lagerstelle für verschiedenen Federbälge, Goldköpfe, Bindegarne, Dubbing, Haken und vieles mehr. Dieses Bindezubehör komme zum Großteil aus den USA und Korea meinte Nicholas. Allein in dieser „Fabrik“ werden am Tag hunderte von unterschiedlichsten Fliegen hergestellt und per Kurier in alle Welt verschickt. Hauptabsatzmärkte sind Amerika, England und Deutschland. Nairobi zählt zu einem der größten Fliegenproduzenten weltweit.

 

Eigentlich wollte ich selbst noch an den Mount Kenya gehen und dort ein bisschen Fliegenfischen. Der Mount Kenya ist eine ganz heiße Adresse zum Fliegenfischen auf Afrikanische-Forellen. Wer träumt nicht davon einmal in Mitten der afrikanischen Wildnis auf Forellen zu fischen? Leider war mein Zeitplan bei einer Offroad Safari durch schweren Regen und keinem Weiterkommen um zwei Tage verschoben. Diese Tage fehlten mir nun um selbst am Mount Kenya zu fischen, denn ich hatte auch noch eine Verabredung vor Malindi mit Mr. Sailfish. Aber wie heißt ein altes Sprichwort „aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“ Ich komme wieder und dann werden wir sehen ob Mrs. Simpson auch am Mt. Kenya fängt, in Deutschland hat Sie dieses bereits eindrucksvoll bewiesen!

 

Bilder: Andreas Knausenberger; Ramon Lahme